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Archive for Juni 2011

Fremdbild und Selbstbild

Die philosophische Richtung des Kontruktivismus sagt aus – in einfachen Worten ausgedrückt – das der Mensch sich seine eigene Wirklichkeit im Kopf erschafft, es also so etwas wie eine objektive Wirklichkeit gar nicht gibt. Mich selbst hat diese Anschauung immer fasziniert, obwohl ich nicht so weit gehe, zu behaupten, dass Alles, was uns umgibt letztendlich nur ein Produkt unserer Gedanken ist. Es muss immer einen gewissen Konsens zwischen meiner Umwelt, meinen Mitmenschen und mir geben, sonst ist Kommunikation nicht möglich.

Für einen Lehrer ist das Gespräch mit dem Schüler das wichtigste Unterrichtsmedium, andere Medien folgen erst in einigem Abstand. So ist es unumgänglich, dass wir uns mit den Störungen von Kommunikation vertraut machen. Ich will hier nicht in die Kommunikationspsychologie einsteigen, dieses Thema ist für einen kurzen Blogbeitrag viel zu umfangreich, lassen Sie mich nur in einem kurzen Abriss und an einem Beispiel aus meiner täglichen Unterrichtspraxis zeigen, wie leicht Kommunikation gestört werden kann:

Es ist eine eigenart der Menschen automatisch von sich auf andere zu schließen und Vorlieben und Eigenschaften bei meinem Kommunikationspartner zu suchen und auch zu  finden. Ob sie natürlich in dieser Form wirklich vorhanden sind steht auf einem ganz andere Blatt. Seit einigen Wochen bereite ich einen jungen Mann, der die Mittelschule besucht, auf die Abschlussprüfung in Mathematik vor. Ich selber habe dieses Fach in der Schule immer geliebt und ganz besonders mochte ich die Berechnung von Parabeln (Nullstellen bestimmen, Scheitelpunkte, Schnittpunkte von Parabeln usw.). Mit der Trigonometrie stand ich immer etwas auf Kriegsfuß, vielleicht liegt es daran, dass ich in diesem Fach keinen besonders guten Lehrer hatte. Ohne diesen Vorgang näher zu hinterfragen habe ich dieses Selbstbild (Kruvendiskussion macht mir Spaß) auf meinen Schüler übertragen. Ich habe in meinem Unterrichtsangebot nicht etwa bevorzugt Parabeln behandelt, denn ich ging davon aus, dass er das ja schon kann. Ich habe vielmehr sehr viel Übungen zu den Winkelfunktionen und zur Stochastik gemacht, denn es ist ja wichtig, dass zu üben, was er noch nicht so gut kann. Das ich meinen Unterricht ohne es zu merken auf meine Bedürfnisse und weniger auf die Bedürfnisse meines Schülers ausgerichtet hatte bemerkte ich erst, als ich fragte, wo er denn noch Übungsbedarf sehe und zu meiner Überraschung antwortete er, die Parabeln könne er noch nicht so gut berechnen. Jetzt wurde mir bewusst, dass ich mit ihm noch stärker auf dieses Thema eingehen musste und ich bereitete diesmal Übungsmaterial vor, dass auf meinen Schüler zugeschnitten war.

Als Lernbbegleiter sollten Sie immer versuchen Ihren Schüler im Auge zu behalten. Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob das Bild, dass sie sich von ihrem Schüler gemacht haben wirklich stimmt, dann machen Sie es wie ich: Fragen Sie einfach.

 

Wissenskonstruktion im Gruppenunterricht

Die Vorstellung, die ein Lehrerender (sei er nun an einer Schule, einem Nachhilfeinstitut, als Lernbegleiter oder Coach oder als Elternteil tätig) vom Prozess der Wissensaufnahme hat entscheidet darüber, wie der Unterricht bzw. die Unterweisung strukturiert ist.

Sie kennen sicherlich die Vorstellung vom „Nürnberger Trichter“. Hier ist Wissen Füllmaterial, das im Kopf des Lernenden abgelagert, verstaut wird. Nicht viel anders als der Bauer, der sein Korn in die Scheune fährt. Natürlich handelt es sich bei Wissen nicht um Stroh sondern um sehr vielfältige Dinge so gehen die meisten Menschen in ihren Vorstellungen einen Schritt weiter und stellen sich zumindest Schubläden oder irgendwelche Kompartimente vor, in denen das Wissen schön geordnet gelagert wird.

Da sich dieses (Vor)Wissen von Schüler zu Schüler unterscheidet trägt ein guter Unterricht dem Rechnung indem er Material zur Differenzierung bereit hält. Darunter versteht man ganz einfach, dass der Lehrer für unterschiedliches Vorwissen bzw. unterschiedliche Lernfähigkeiten unterschiedliches bzw. weiterführendes Material bereit hält.

Spätestens seit Jean Piaget spricht man allerdings von Wissenkonstruktion. Darunter versteht man, dass das neue Wissen in schon vorhandenes Wissen und Erfahrungen eingebaut wird. Ich stelle mir das wie den Bau eines Hauses vor. Das neue Wissen ist ein Stein, das an die richtige Stelle gesetzt wird und das Gebäude im Laufe des Lebens im schöner und prächtiger wird. Wenn man diese Vorstellung ernst nimmt, dann bedeutet das in letzter Konsequenz, das jeder Schüler, auch im Gruppenunterricht, eine individuelle Förderung benötigt, denn es gibt kein Wissenskonstrukt das dem Anderen gleicht.

Ich will das an einem einfachen Beispiel aus meiner eigenen Unterrichtspraxis verdeutlichen. Im Augenblick unterrichte ich eine kleine Gruppe von fünf Schülern, die sich auf die besondere Leistungsfeststellung am Ende der 9. Klasse vorbereiten, dem Qualifizierenden Hauptschulabschluss. Mein Unterrichtsfach ist die Mathmatik. Vorgestern tauchte bei einem Schüler am Ende der Stunde das Problem auf, wie man die Höhe eines Trapezes bestimmen kann, diese ist nötig um die Fläche zu berechnen. Da meine Schüler für solche Fälle schon sehr viel Wissen konstruiert haben, war es für den Schüler zunächst kein Problem, eine Lösung vorzuschlagen: Der Satz des Pythagoras. Doch dieser bezieht sich auf ein Dreieck und ein Dreieck war auf den ersten Blick im Trapez nicht zu finden. Da die Stunde in diesem Augenblick endete, nahm ich mir vor, dieses Thema am nächsten Tag wieder aufzugreifen.

Als ich mich am Abend auf die nächste Stunde vorbereitete stieß ich auf folgende Aufgabe aus einer alten Abschlussprüfung:

 

Ich beschloss, diese Aufgabe meinen Schülern zu präsentieren. Meine erste Überlegung war, es in Form eines Frontalunterrichts zu machen und einen Schüler, der eine solche Aufgabe schon gelöst hatte an der Tafel vorrechnen zu lassen. Ich verwarf diesen Gedanken wieder, denn er erschien mir nicht effektiv genug. Grob konnte ich meine Gruppe ein drei Teile teilen: Einen Teil, der eine solche Aufgabe schon gelöst hatte. Also dieses Wissen schon konstruiert hatte, um in der Sprache der Pädagogik zu bleiben. Eine zweite Gruppe, die gerade dabei war, das Lösungsschema in ihr Wissenskonstrukt aufzunehmen und eine dritte Gruppe, die mit einer solche Aufgabe (zunächst noch) überfordert waren. Bei einem klassischen Frontalunterricht langweilt sich die erste Gruppe und es wäre besser, für diese Gruppe eine andere Aufgabe zu finden, die sinnvoller ist. Die zweite Gruppe würde sicherlich etwas lernen, doch auch hier sind die Unterschiede noch zu groß und ein individuelles eingehen auf jeden Schüler wäre sinnvoller und die dritte Gruppe ist bei einem klassischen Unterricht überfordert. Ich entschied mich also dazu, jeden Schüler individuell zu betreuen, was bei 5 Schülern auch nicht besonders schwer ist.

Meiner Meinung nach ist die Einteilung vieler Lehrer in intelligente und weniger intelligente Schüler längst obsolet. Vielmehr gibt es Schüler, die in ihrer Wissenskonstruktion noch nicht so weit sind und es schafft in der Tat kaum ein Schüler während eines normalen Unterrichts oder eines normalen Curriculums sein Wissen adäquat zu konstruieren, da ist eine gute Nacharbeit nötig, in der Grundschule ebenso wie im Hochschulstudium. Wer bereit ist, diese Nacharbeit zu leisten, der kann jedes schulische Ziel erreichen.

Lernen als individueller Prozess

Juni 15, 2011 1 Kommentar

Stellen Sie sich vor Sie sind Sportlehrer und vor Ihnen steht eine Klasse von mehr oder weniger motivierten Jugendlichen. Ihre Schüler sollen einen Hundertmeterlauf absolvieren. Sie geben keine Zeitvorgabe, das Ziel ist es nur die vorgegebene Strecke zu laufen. Es wird wohl kaum einen Schüler geben, der diese Aufgabe nicht bewältigen kann. Dieses Szenario entspricht leider nicht der Realität. In Wirklichkeit nimmt jeder Lehrer eine Stoppuhr zur Hand und beginnt sofort in sein Notenbuch Eintragungen zu machen, je nachdem, welche Zeit die Schüler zurückgelegt haben.
Wenn wir jetzt dieses Beispiel auf andere Fächer (Mathematik, Deutsch, Chemie, Physik) übertragen, dann bedeutet das nichts anderes, als dass jeder Schüler einen bestimmten Stoff lernen kann und bestimmte Ziele erreichen kann, nur jeder Schüler zu unterschiedlicher Zeit und auch mit unterschiedlichen Methoden. So entsteht eine Diskrepanz zwischen dem Anspruch von institutionellen Einrichtungen (Schulen, Universitäten) die ein bestimmtes Pensum an Wissen in einer bestimmten Zeit einfordern auf der einen Seite und dem Wunsch des Indidividuums sich Wissen im eigenen Lerntempo und mit eigenen Methoden anzueignen auf der anderen Seite.
Sinnvolle Lernbegleitung muss dieses Problem aufzeigen und Lösungen anbieten. Die Lösung kann hier nur eine Hilfe zur Selbsthilfe sein. Der Schüler muss lerrnen sich vom allwissenden Lehrer zu lösen und zu seinem eigenen Lehrer zu werden. Der Lehrer muss sich von seinem Anspruch, alles (besser) zu wissen lösen und Unsicherheit zeigen, er muss den Schüler zum Dialog, zur Diskussion auffordern. Das erfordert Mut, denn viele Lehrer verschwinden lieber im Boden als zuzugeben, dass sie bei der Lösung eines Problems unsicher sind. Doch seien wir ehrlich: Welche Probleme sind schon sonnenklar? Und wenn Sie es sind, ist es dann ein Problem, das sich lohnt zu lösen?