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Archive for the ‘Schulbildung’ Category

Digital Natives versus Digital Immigrants

Der Begriff „Digital Natives“ tauchte erstmals im Jahre 2001 auf. Damit sind Kinder und Jugendliche gemeint, für die Handy, Internet, Instant Messaging seit Ihrer Geburt zum Alltag gehören. Die Grenze wird so etwa beim Geburtsjahrgang 1980 gezogen. Selbstverständlich ist diese Grenze nicht vollkommen starr. Zur anderen Generation, den Digital Immigrants, gehören all diejenigen, die vor dem Jahre 1970 geboren sind.

Für einen Digital Native ist es ganz natürlich, seine Arbeit am Bildschirm zu erledigen, er kann eine Semesterarbeit schreiben, korrigieren und sie abgeben, ohne sie jemals gedruckt gesehen zu haben. Da sie von Kindesbeinen an gelernt haben Informationen schnell aufzunehmen, zu verarbeiten und weiterzugeben bildet sich zwangsläufig eine andere Art des Denkens. Ihnen fällt es nicht schwer, gleichzeitig am Computer eine Website zu gestalten, eine E-Mail zu beantworten und auf Wikipedia Informationen zu suchen. Ein Digital Immigrant wird damit immer Probleme habe, selbst wenn er von Beginn an die Entwicklung der neuen Technologien erlebt und sogar mitgestaltet hat.

Die Digital Natives werden aber sehr oft von Digital Immigrants unterrichtet und der Unterricht geht oft an ihren Bedürfnissen vorbei, da er sich an alt hergebrachte Strukturen orientiert. Wir Digital Immigrants können niemals ganz den Vorsprung, den unsere Kinder haben aufholen, wir können uns aber der Tatsache bewusst machen, dass wir es mit Menschen zu tun haben, die über andere Denkstrukturen verfügen als wir, weil sie schon als Kinder mit Handys und Internet in Berührung gekommen sind.

Wissenskonstruktion am Beispiel einer Chemiestunde

Neulich unterrichtete ich einen Schüler in Chemie. Es ging um das Thema Redoxreaktionen. Kurz zu Erinnerung: In erster Näherung ist eine Redoxreaktion eine Reaktion, bei der Sauerstoff aufgenommen wird (Oxidation) bzw. bei dem korrespondierenden Stoff Sauerstoff abgegeben wird. In zweiter Näherung werden bei der Oxidation Elektronen abgegeben bzw. bei der Reduktion aufgenommen. Der Stoff, der oxidiert bzw reduziert wird heißt auch Reduktionsmittel bzw. Oxdidationsmittel. Ein ziemliches Begriffswirrwarr, bei dem ich selber als Schüler nur schwer durchstieg. Die meisten Schüler pflegen die Definition dieser Begriffe auswendig zu lernen, was regelmäßig zur Folge hat, dass sie sämtliche Begriffe durcheinanderwerfen und zu der (falschen) Schlussfolgerung gelangen, Chemie sei ein sehr schweres Fach. Besser ist es, dieses Wissen in das schon bekannte Wissenskonstrukt einzubauen.

Eine Oxidation ist jedem Schüler normalerweise schon vertraut. Eisen oxidiert, wenn es Sauerstoff aufnimmt. Das haben wir doch schon in der Heimat- und Sachkunde gelernt. Damit fangen wir an. Bei einer solchen Reaktion gibt es noch einen zweiten Stoff, dieser wird dann oxidiert. Was oxidiert wird ist das Reduktionsmittel und was reduziert wird das Oxidationsmittel. Ist doch ganz einfach. In höheren Klassen wird dann dieser Begriff noch erweitert, dann ist eine Oxidation eine – was nun Aufnahme oder Abgabe von Elektronen? Ich habe mir das so gemerkt, dass es bei den Elektronen genau umgekehrt ist. Wenn eine Oxidation eine Sauerstoffaufnahme ist, dann ist es gleichzeitig eine Elektronenabgabe. Wir gehen also von einer schon bekannten Tatsache aus und es ist leicht möglich und das übrige leicht zu rekonstruieren.

Spontaner Einsatz von digitalen Medien

Obwohl die Netkids von heute simsen, chatten und surfen was das Zeug hält benutzen sie digitale Medien nur sehr selten zum Lernen. Der Einsatz von Computer, iPhone und Co hat sich auch als Unterrichtsstoff in der Schule noch nicht durchgesetzt. Neulich hatte ich während einer Einzelsitzung die Gelegenheit den Einsatz von digitalen Medien zu demonstrieren. Ich hatte eine Vertretungsstunde und wusste nicht, was die Schülerin im Augenblick für einen Stoff behandelte. Es war Chemie und darüber weiß ich normalerweise sehr gut Bescheid. Trotzdem kam plötzlich eine Frage auf, die ich nicht sofort beantworten konnte. Es ging um eine Modifikation des Kohlenstoffs, nämlich Graphen. Da ich grundsätzlich kein Problem damit habe etwas nicht zu wissen holte ich mein Smartphone hervor und warf einen Blick auf Wikipedia. Dort war nicht nur der Begriff anschaulich erklärt sondern auch meine erklärende Graphik dabei, mit der ich der Schülerin auch noch sehr schön zeigen konnte, wie Graphen aufgebaut ist und wie sich Graphen zu Graphit verhält. Kurz vor Ende der Stunde tauchte noch einmal eine Frage auf und da nicht mehr genügend Zeit war gab ich der Schülerin als Hausaufgabe mit auf dem Weg, dass Sie bis zur nächsten Stunde diese Frage im Internet klären sollte.

Ich finde, Lehrer sollten in Bezug auf digitale Medien lernen umzudenken. Wenn ein Schüler in der Schule ein Handy dabei hat, dann wird es ihm weggenommen und unter Umständen werden sogar die Eltern benachrichtig. Warum nicht einen anderen Weg gehen: Natürlich sollten die Schüler während der Schule oder Lernbegleitung keine Privatgespräche führen, doch wenn ein Problem auftaucht kann man dieses Problem ohne weiteres einem Schüler als Aufgabe übertragen. Er darf dann mit dem Smartphone kurz ins Internet um dieses Problem zu lösen.

Warum Schule nicht funktioniert

„Trotz Schule lernen“ heißt ein bekanntes Buch von Vera F. Birkenbihl. Die bekannte Autorin brachte es schon vor einigen Jahren auf den Punkt, warum  die Institution Schule so wie sie ist und wohl noch einige Zeit sein wird nicht funktioniert. Allen Reformbemühungen zum Trotz ist die Schule von ihrem Wesen her im Behavorismus verhaftet. Ursprünglich geht der Behavorismus auf die Forschungen von B. F. Skinner zurück und auf das Reiz-Reaktions-Lernen. Für die Schule heißt das: Lernst du gut, bekommst du eine gute Note; lernst du schlecht bekommst du eine schlechte Note. Das wirkt bei Schülern, die von Anfang an gute Noten schreiben motivierend, Schüler, die etwas länger brauchen werden dadurch demotiviert und allzuschlecht als „dumm“ abgestempelt. Obwohl Skinner der bekannteste Vertreter des Behavorismus war gibt es auch noch andere – weniger bekannte, aber für das Lernen an Schulen nicht weniger bedeutsam: Robert Gagné hat Lehrzieltaxonomien eingeführt. Jeder Lehramtsstudent muss in seinen Unterrichtsausarbeitungen bestimmte Lernziele vorgeben und muss sich dabei nach den Vorgaben von Gagné oder auch Bloom richten. Das Meiste, was den angehenden Lehrerin in den Seminaren beigebracht wird fußt letztendlich auf dem Behavorismus mit gelegentlichen kleinen Ausflügen in den Kognitivismus oder vielleicht sogar in den Konstruktivismus. Ich will auch gar nicht in Frage stellen, dass die meisten Junglehrer sehr motiviert sind und gerne Projekte und Wochenplanarbeit in ihren Unterrichtsalltag mit aufnehmen würden. Leider bleibt es bei einer Klassenstärke von um die 30 Schülern und zunehmenden Disziplinproblemen oft bei dem Vorsatz. Ich will den Lehrern hier gar keinen Vorwurf machen. Ich bin selber Lehrer und habe an einer Hauptschule unterrichtet und bei einem lehrerzentrierten Unterricht besteht immer die Gefahr, dass dieser ins Chaos abgleitet.

Lernen ist aber in individueller Prozess, der nur vom Schüler gesteuert und vom Lehrer begleitet werden soll (daher auch der Name des Blogs). Bei einer durchschnittlichen Klassengröße von 30 Schüler kann von einem individuellen Betreuen der Schüler keine Rede mehr sein, der Unterricht gleicht oftmals mehr einer Vorlesung an einer Uni. Nach meiner Erfahrung sind für eine ideale Lernbegleitung Kleingruppen von 4, höchstens 6 Schülern optimal.

Ein Grund, warum Schule nicht funktioniert liegt also im System begründet. Ein anderer Grund liegt aber auch beim Schüler und deren Eltern. Das Schüler beim Lernen selber aktiv werden müssen und dass das Lernen nicht in der Verantwortung des Lehrers liegt sondern in der des Schülers leuchtet oft nicht ein. So ist ein Umdenken nötig und es fällt vielen Schülern schwer sich aus diese passiven Rolle zu lösen.

Jeder, der Lernbegleitung ausübt muss sich darüber im Klaren sein, dass Schule in der jetzigen Form nicht funktioniert und es ist eine andere Form der Unterweisung nötig. Nur so kann Lernbegleitung das leisten, was es leisten muss nämlich die Defizite der Institution Schule auszugleichen.

Die persönliche Lernumgebung (PLE)

In letzter Zeit treibt mich die Idee der persönlichen Lernumgebung um und wie es möglich ist, dass sich jeder Schüler eine solche Umgebung einrichten kann. Für mich wird dieses Blog immer stärker zu einer persönlichen Lernumgebung, in das ich alles, was mir so unterkommt an Informationen, Dateine, Links etc. sammle.

Nun aber zurück zum Thema: Ich habe auf Slideshare einen Beitrag von Ilona Buchem (Berlin) zu diesem Thema gefunden.

Da mein Blog nicht in einfachen Beschreibungen von Sachverhalten stecken bleiben soll, müssen wir uns immer wieder die Frage stellen, inwieweit kann ich solche Konzepte in meiner täglichen Unterrichtspraxis als Lernbegleiter profitieren. Neue Entwicklungen werden immer zuerst an den Hochschulen eingesetzt, so ist die Verwendung von Moodle (oder einer anderen virtuellen Lernumgebung) schon längst Standart. Lehrer, deren Examen schon einige Jahre zurückliegt können damit weniger Anfangen. Doch ich denke nicht nur Lehrer sonderrn auch Schüler müssen umdenken: In den vergangenen Jahrhunderten (seit Comenius den Begriff Didaktik einführte) wird darüber nachgedacht, wie Wissensinhalte vermittelt werden können. Kaum bekannt ist, dass es auch noch eine „Mathetik“ gibt, eine wissenschaft vom Lernen. Erst in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde dieser Begriff wiederentdeckt, ist aber trotzdem kaum bekannt. Jeder Schüler (gleich welchen Alters) muss zuerst einmal begreifen, dass er selber für seinen Lernerfolg verantwortlich ist und auch für das Organisieren des Lernens. Der Lernbegleiter ist „nur“ ein Coach, der ihm beratend und unterstützend zur Seite steht.

Wissenskonstruktion im Gruppenunterricht

Die Vorstellung, die ein Lehrerender (sei er nun an einer Schule, einem Nachhilfeinstitut, als Lernbegleiter oder Coach oder als Elternteil tätig) vom Prozess der Wissensaufnahme hat entscheidet darüber, wie der Unterricht bzw. die Unterweisung strukturiert ist.

Sie kennen sicherlich die Vorstellung vom „Nürnberger Trichter“. Hier ist Wissen Füllmaterial, das im Kopf des Lernenden abgelagert, verstaut wird. Nicht viel anders als der Bauer, der sein Korn in die Scheune fährt. Natürlich handelt es sich bei Wissen nicht um Stroh sondern um sehr vielfältige Dinge so gehen die meisten Menschen in ihren Vorstellungen einen Schritt weiter und stellen sich zumindest Schubläden oder irgendwelche Kompartimente vor, in denen das Wissen schön geordnet gelagert wird.

Da sich dieses (Vor)Wissen von Schüler zu Schüler unterscheidet trägt ein guter Unterricht dem Rechnung indem er Material zur Differenzierung bereit hält. Darunter versteht man ganz einfach, dass der Lehrer für unterschiedliches Vorwissen bzw. unterschiedliche Lernfähigkeiten unterschiedliches bzw. weiterführendes Material bereit hält.

Spätestens seit Jean Piaget spricht man allerdings von Wissenkonstruktion. Darunter versteht man, dass das neue Wissen in schon vorhandenes Wissen und Erfahrungen eingebaut wird. Ich stelle mir das wie den Bau eines Hauses vor. Das neue Wissen ist ein Stein, das an die richtige Stelle gesetzt wird und das Gebäude im Laufe des Lebens im schöner und prächtiger wird. Wenn man diese Vorstellung ernst nimmt, dann bedeutet das in letzter Konsequenz, das jeder Schüler, auch im Gruppenunterricht, eine individuelle Förderung benötigt, denn es gibt kein Wissenskonstrukt das dem Anderen gleicht.

Ich will das an einem einfachen Beispiel aus meiner eigenen Unterrichtspraxis verdeutlichen. Im Augenblick unterrichte ich eine kleine Gruppe von fünf Schülern, die sich auf die besondere Leistungsfeststellung am Ende der 9. Klasse vorbereiten, dem Qualifizierenden Hauptschulabschluss. Mein Unterrichtsfach ist die Mathmatik. Vorgestern tauchte bei einem Schüler am Ende der Stunde das Problem auf, wie man die Höhe eines Trapezes bestimmen kann, diese ist nötig um die Fläche zu berechnen. Da meine Schüler für solche Fälle schon sehr viel Wissen konstruiert haben, war es für den Schüler zunächst kein Problem, eine Lösung vorzuschlagen: Der Satz des Pythagoras. Doch dieser bezieht sich auf ein Dreieck und ein Dreieck war auf den ersten Blick im Trapez nicht zu finden. Da die Stunde in diesem Augenblick endete, nahm ich mir vor, dieses Thema am nächsten Tag wieder aufzugreifen.

Als ich mich am Abend auf die nächste Stunde vorbereitete stieß ich auf folgende Aufgabe aus einer alten Abschlussprüfung:

 

Ich beschloss, diese Aufgabe meinen Schülern zu präsentieren. Meine erste Überlegung war, es in Form eines Frontalunterrichts zu machen und einen Schüler, der eine solche Aufgabe schon gelöst hatte an der Tafel vorrechnen zu lassen. Ich verwarf diesen Gedanken wieder, denn er erschien mir nicht effektiv genug. Grob konnte ich meine Gruppe ein drei Teile teilen: Einen Teil, der eine solche Aufgabe schon gelöst hatte. Also dieses Wissen schon konstruiert hatte, um in der Sprache der Pädagogik zu bleiben. Eine zweite Gruppe, die gerade dabei war, das Lösungsschema in ihr Wissenskonstrukt aufzunehmen und eine dritte Gruppe, die mit einer solche Aufgabe (zunächst noch) überfordert waren. Bei einem klassischen Frontalunterricht langweilt sich die erste Gruppe und es wäre besser, für diese Gruppe eine andere Aufgabe zu finden, die sinnvoller ist. Die zweite Gruppe würde sicherlich etwas lernen, doch auch hier sind die Unterschiede noch zu groß und ein individuelles eingehen auf jeden Schüler wäre sinnvoller und die dritte Gruppe ist bei einem klassischen Unterricht überfordert. Ich entschied mich also dazu, jeden Schüler individuell zu betreuen, was bei 5 Schülern auch nicht besonders schwer ist.

Meiner Meinung nach ist die Einteilung vieler Lehrer in intelligente und weniger intelligente Schüler längst obsolet. Vielmehr gibt es Schüler, die in ihrer Wissenskonstruktion noch nicht so weit sind und es schafft in der Tat kaum ein Schüler während eines normalen Unterrichts oder eines normalen Curriculums sein Wissen adäquat zu konstruieren, da ist eine gute Nacharbeit nötig, in der Grundschule ebenso wie im Hochschulstudium. Wer bereit ist, diese Nacharbeit zu leisten, der kann jedes schulische Ziel erreichen.