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Archive for the ‘Selbstorganisiertes Lernen’ Category

Wissenskonstruktion am Beispiel einer Chemiestunde

Neulich unterrichtete ich einen Schüler in Chemie. Es ging um das Thema Redoxreaktionen. Kurz zu Erinnerung: In erster Näherung ist eine Redoxreaktion eine Reaktion, bei der Sauerstoff aufgenommen wird (Oxidation) bzw. bei dem korrespondierenden Stoff Sauerstoff abgegeben wird. In zweiter Näherung werden bei der Oxidation Elektronen abgegeben bzw. bei der Reduktion aufgenommen. Der Stoff, der oxidiert bzw reduziert wird heißt auch Reduktionsmittel bzw. Oxdidationsmittel. Ein ziemliches Begriffswirrwarr, bei dem ich selber als Schüler nur schwer durchstieg. Die meisten Schüler pflegen die Definition dieser Begriffe auswendig zu lernen, was regelmäßig zur Folge hat, dass sie sämtliche Begriffe durcheinanderwerfen und zu der (falschen) Schlussfolgerung gelangen, Chemie sei ein sehr schweres Fach. Besser ist es, dieses Wissen in das schon bekannte Wissenskonstrukt einzubauen.

Eine Oxidation ist jedem Schüler normalerweise schon vertraut. Eisen oxidiert, wenn es Sauerstoff aufnimmt. Das haben wir doch schon in der Heimat- und Sachkunde gelernt. Damit fangen wir an. Bei einer solchen Reaktion gibt es noch einen zweiten Stoff, dieser wird dann oxidiert. Was oxidiert wird ist das Reduktionsmittel und was reduziert wird das Oxidationsmittel. Ist doch ganz einfach. In höheren Klassen wird dann dieser Begriff noch erweitert, dann ist eine Oxidation eine – was nun Aufnahme oder Abgabe von Elektronen? Ich habe mir das so gemerkt, dass es bei den Elektronen genau umgekehrt ist. Wenn eine Oxidation eine Sauerstoffaufnahme ist, dann ist es gleichzeitig eine Elektronenabgabe. Wir gehen also von einer schon bekannten Tatsache aus und es ist leicht möglich und das übrige leicht zu rekonstruieren.

Warum Schule nicht funktioniert

„Trotz Schule lernen“ heißt ein bekanntes Buch von Vera F. Birkenbihl. Die bekannte Autorin brachte es schon vor einigen Jahren auf den Punkt, warum  die Institution Schule so wie sie ist und wohl noch einige Zeit sein wird nicht funktioniert. Allen Reformbemühungen zum Trotz ist die Schule von ihrem Wesen her im Behavorismus verhaftet. Ursprünglich geht der Behavorismus auf die Forschungen von B. F. Skinner zurück und auf das Reiz-Reaktions-Lernen. Für die Schule heißt das: Lernst du gut, bekommst du eine gute Note; lernst du schlecht bekommst du eine schlechte Note. Das wirkt bei Schülern, die von Anfang an gute Noten schreiben motivierend, Schüler, die etwas länger brauchen werden dadurch demotiviert und allzuschlecht als „dumm“ abgestempelt. Obwohl Skinner der bekannteste Vertreter des Behavorismus war gibt es auch noch andere – weniger bekannte, aber für das Lernen an Schulen nicht weniger bedeutsam: Robert Gagné hat Lehrzieltaxonomien eingeführt. Jeder Lehramtsstudent muss in seinen Unterrichtsausarbeitungen bestimmte Lernziele vorgeben und muss sich dabei nach den Vorgaben von Gagné oder auch Bloom richten. Das Meiste, was den angehenden Lehrerin in den Seminaren beigebracht wird fußt letztendlich auf dem Behavorismus mit gelegentlichen kleinen Ausflügen in den Kognitivismus oder vielleicht sogar in den Konstruktivismus. Ich will auch gar nicht in Frage stellen, dass die meisten Junglehrer sehr motiviert sind und gerne Projekte und Wochenplanarbeit in ihren Unterrichtsalltag mit aufnehmen würden. Leider bleibt es bei einer Klassenstärke von um die 30 Schülern und zunehmenden Disziplinproblemen oft bei dem Vorsatz. Ich will den Lehrern hier gar keinen Vorwurf machen. Ich bin selber Lehrer und habe an einer Hauptschule unterrichtet und bei einem lehrerzentrierten Unterricht besteht immer die Gefahr, dass dieser ins Chaos abgleitet.

Lernen ist aber in individueller Prozess, der nur vom Schüler gesteuert und vom Lehrer begleitet werden soll (daher auch der Name des Blogs). Bei einer durchschnittlichen Klassengröße von 30 Schüler kann von einem individuellen Betreuen der Schüler keine Rede mehr sein, der Unterricht gleicht oftmals mehr einer Vorlesung an einer Uni. Nach meiner Erfahrung sind für eine ideale Lernbegleitung Kleingruppen von 4, höchstens 6 Schülern optimal.

Ein Grund, warum Schule nicht funktioniert liegt also im System begründet. Ein anderer Grund liegt aber auch beim Schüler und deren Eltern. Das Schüler beim Lernen selber aktiv werden müssen und dass das Lernen nicht in der Verantwortung des Lehrers liegt sondern in der des Schülers leuchtet oft nicht ein. So ist ein Umdenken nötig und es fällt vielen Schülern schwer sich aus diese passiven Rolle zu lösen.

Jeder, der Lernbegleitung ausübt muss sich darüber im Klaren sein, dass Schule in der jetzigen Form nicht funktioniert und es ist eine andere Form der Unterweisung nötig. Nur so kann Lernbegleitung das leisten, was es leisten muss nämlich die Defizite der Institution Schule auszugleichen.

Lernbegleitung und eLearning

Seit einiger Zeit frage ich mich, ob es möglich ist Lernbegleitung als eLearning durchzuführen.

Dieser Post ist nur eine erste Annäherung an das Thema und spiegelt in erster Linie ein paar Gedanken wider, die ich mir in den letzten Tagen zu diesem Thema gemacht habe.

Wenn man ein neues System einführt dann orientiert man sich als erstes an dem, was schon etabliert ist. Lernbegleitung findet momentan noch in erster Linie entweder in Gruppenunterricht oder in Einzelsitzungen statt. Es gibt Angebote, die dieses System in das Internet verlagern, indem Sitzungen in einem virtuellen Klassenzimmer oder über Skype angeboten werden. Noch näher an der Realität kann man arbeiten, wenn man eine solche Situation in eine virtuelle Welt verlagert, wie es zum Beispiel bei Second Life schon praktiziert wird. Was mich in meiner Arbeit als Lernbegleiter immer stört ist die Tatsache, dass ich als Lehrer immer Anwesend bin und die Schüler, noch bevor sie sich selber über ein Problem richtig Gedanken machen mich sofort um Unterstützung beten. Das ist beim Einzelunterricht noch ausgeprägter, denn ich werde pro Stunde bezahlt und habe – bewusst oder unbewusst – das Bedürfnis für mein Geld auch zu arbeiten und ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich die Schüler bei der Lösung eines Problems zu stark dirigiere.

Einen Schritt weiter hin zur Selbstätigkeit des Schülers wäre es virtuelle Lernumgebungen einzurichten. Ich kann täglich ein bestimmtes Arbeitspensum für meine Schüler freischalten, ich kann kurze Arbeitsaufträge geben und die Schüler arbeiten nicht einmal in der Woche sondern täglich an ihrem Lernerfolg. Ich glaube, dass Micorlearning (siehe meinen vorherigen Beitrag) effektiver ist als größere Lerneinheiten. Lassen Sie uns einmal ein Szenario kurz durchdenken: Bei herkömmlichen Nachhilfeinstituten kommen die Schüler einmal in der Woche für 90 Minuten in den Gruppenunterricht (manchmal auch zweimal, wenn sie zwei Fächer belegt haben). Wenn ein Schüler sich stattdessen 5mal in der Woche 20 bis 30 Minuten mit dem Lernen auseinandersetzt ist das meiner Meinung nach effektiver, da die Konzentration in so kurzen Einheiten größer ist. Da sich diese Form der Lerndarbietung natürlich nur für Schüler eignet, die mit dem Internet und dem Computer vertraut sind (über kurz oder lang werden diese Schüler ohnehin die Mehrheit ausmachen), kann ich auch Arbeitsaufträge geben, die weiter führen: Selbsttändig im Internet recherchieren, die gefundenen Ergebnisse in einer Persönlichen Lernumgebung (PLE) zusammenzustellen, in einem Blog referieren, in einem Chat oder einem Forum mit anderen Schülern diskutieren.

Soweit kurz zu diesem Thema. Wie schon gesagt, es handelt sich nur um ein paar Gedanken, die mir gestern und heute so durch den Kopf gegangen sind. Ich werde darüber noch öfters schreiben, denn auch das eLearning ist ein wichtiges Thema hier in diesem Blog

Microlearning – eine kurze Einführung

Da die Lerneinheiten beim Microlearning nicht mehr als 15 Minuten betragen sollen, fasse ich mich kurz. Oder, falls ich doch zu viel Ihrer Zeit in Anspruch nehme, müssen Sie den Artikel in zwei Portionen lesen.
Ich habe es schon angedeutet: Unter Microlearning versteht man das Lernen in kleinen Portionen. Wir sind gewohnt immer in 45 Minuten oder 90 Minuteneinheiten zu denken, Mircolearning soll aber nicht länger als 15 Minuten dauern, es kann aber auch nur einige Sekunden in Anspruch nehmen. Ohne das ich es mir bislang so recht bewusst war praktiziere ich Microlearning eigentlich schon seit Jahren. Früher arbeitete ich als Pharmareferent, ich saß also viel in Arztpraxen herum und wusste nie so genau, wann ich aufgerufen wurde, länger als 15 Minuten dauerte es aber nie. Oft hatte ich ein Buch oder ein Skript dabei und laß darin während meiner Wartezeit und in der nächsten Praxis setzte ich meine Studien fort. Diese Art des Lernens erfordert immer noch eine gewisse Vorbereitung. Seit der Einführung der Smartphone ist Alles noch ein wenig leichter geworden. Wenn ich ein Problem, eine Frage habe, das nach einer Lösung verlangt zücke ich mein Handy, gehe ins Internet und habe die Antwort. Manchmal sind es so triviale Dinge wie die Zugverbindung in den Bayrischen Wald, manchmal möchte ich wissen, wann Errol Flynn gestorben ist, immer aber ist der Anlaß ein gerade aktuelles kleines oder größeres Problem, das ich sofort lösen kann. Das unterscheidet das „Microlearning“ von früher mit dem von heute. Heute kann ich fast jede Frage binnen weniger Sekunden beantworten, früher musste ich mein Problem schon am morgen wissen,um das richtige Buch mitzuschleppen, denn für eine ganze Bibliothek war in meinem Wagen nun wirklich kein Platz.
So, die Zeit ist um und Sie wissen jetzt in Grundzügen, was Microlearning ist. Was? Sie haben noch nicht genug? Der Arzt hat sie noch nicht aufgerufen, der Freund kommt zur Verabredung zu spät? Nun, auch hierfür sei gesorgt. Hier eine Präsentaton von Anja Lorenz (Technische Uni Chemnitz) zum gleichen Thema:

Über das Thema Microlearning gibt es auch ein Interview mit Martin Lindner, das zusammen mit dem L3T-Projekt enstanden ist:

Die persönliche Lernumgebung (PLE)

In letzter Zeit treibt mich die Idee der persönlichen Lernumgebung um und wie es möglich ist, dass sich jeder Schüler eine solche Umgebung einrichten kann. Für mich wird dieses Blog immer stärker zu einer persönlichen Lernumgebung, in das ich alles, was mir so unterkommt an Informationen, Dateine, Links etc. sammle.

Nun aber zurück zum Thema: Ich habe auf Slideshare einen Beitrag von Ilona Buchem (Berlin) zu diesem Thema gefunden.

Da mein Blog nicht in einfachen Beschreibungen von Sachverhalten stecken bleiben soll, müssen wir uns immer wieder die Frage stellen, inwieweit kann ich solche Konzepte in meiner täglichen Unterrichtspraxis als Lernbegleiter profitieren. Neue Entwicklungen werden immer zuerst an den Hochschulen eingesetzt, so ist die Verwendung von Moodle (oder einer anderen virtuellen Lernumgebung) schon längst Standart. Lehrer, deren Examen schon einige Jahre zurückliegt können damit weniger Anfangen. Doch ich denke nicht nur Lehrer sonderrn auch Schüler müssen umdenken: In den vergangenen Jahrhunderten (seit Comenius den Begriff Didaktik einführte) wird darüber nachgedacht, wie Wissensinhalte vermittelt werden können. Kaum bekannt ist, dass es auch noch eine „Mathetik“ gibt, eine wissenschaft vom Lernen. Erst in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde dieser Begriff wiederentdeckt, ist aber trotzdem kaum bekannt. Jeder Schüler (gleich welchen Alters) muss zuerst einmal begreifen, dass er selber für seinen Lernerfolg verantwortlich ist und auch für das Organisieren des Lernens. Der Lernbegleiter ist „nur“ ein Coach, der ihm beratend und unterstützend zur Seite steht.

Wissenskonstruktion im Gruppenunterricht

Die Vorstellung, die ein Lehrerender (sei er nun an einer Schule, einem Nachhilfeinstitut, als Lernbegleiter oder Coach oder als Elternteil tätig) vom Prozess der Wissensaufnahme hat entscheidet darüber, wie der Unterricht bzw. die Unterweisung strukturiert ist.

Sie kennen sicherlich die Vorstellung vom „Nürnberger Trichter“. Hier ist Wissen Füllmaterial, das im Kopf des Lernenden abgelagert, verstaut wird. Nicht viel anders als der Bauer, der sein Korn in die Scheune fährt. Natürlich handelt es sich bei Wissen nicht um Stroh sondern um sehr vielfältige Dinge so gehen die meisten Menschen in ihren Vorstellungen einen Schritt weiter und stellen sich zumindest Schubläden oder irgendwelche Kompartimente vor, in denen das Wissen schön geordnet gelagert wird.

Da sich dieses (Vor)Wissen von Schüler zu Schüler unterscheidet trägt ein guter Unterricht dem Rechnung indem er Material zur Differenzierung bereit hält. Darunter versteht man ganz einfach, dass der Lehrer für unterschiedliches Vorwissen bzw. unterschiedliche Lernfähigkeiten unterschiedliches bzw. weiterführendes Material bereit hält.

Spätestens seit Jean Piaget spricht man allerdings von Wissenkonstruktion. Darunter versteht man, dass das neue Wissen in schon vorhandenes Wissen und Erfahrungen eingebaut wird. Ich stelle mir das wie den Bau eines Hauses vor. Das neue Wissen ist ein Stein, das an die richtige Stelle gesetzt wird und das Gebäude im Laufe des Lebens im schöner und prächtiger wird. Wenn man diese Vorstellung ernst nimmt, dann bedeutet das in letzter Konsequenz, das jeder Schüler, auch im Gruppenunterricht, eine individuelle Förderung benötigt, denn es gibt kein Wissenskonstrukt das dem Anderen gleicht.

Ich will das an einem einfachen Beispiel aus meiner eigenen Unterrichtspraxis verdeutlichen. Im Augenblick unterrichte ich eine kleine Gruppe von fünf Schülern, die sich auf die besondere Leistungsfeststellung am Ende der 9. Klasse vorbereiten, dem Qualifizierenden Hauptschulabschluss. Mein Unterrichtsfach ist die Mathmatik. Vorgestern tauchte bei einem Schüler am Ende der Stunde das Problem auf, wie man die Höhe eines Trapezes bestimmen kann, diese ist nötig um die Fläche zu berechnen. Da meine Schüler für solche Fälle schon sehr viel Wissen konstruiert haben, war es für den Schüler zunächst kein Problem, eine Lösung vorzuschlagen: Der Satz des Pythagoras. Doch dieser bezieht sich auf ein Dreieck und ein Dreieck war auf den ersten Blick im Trapez nicht zu finden. Da die Stunde in diesem Augenblick endete, nahm ich mir vor, dieses Thema am nächsten Tag wieder aufzugreifen.

Als ich mich am Abend auf die nächste Stunde vorbereitete stieß ich auf folgende Aufgabe aus einer alten Abschlussprüfung:

 

Ich beschloss, diese Aufgabe meinen Schülern zu präsentieren. Meine erste Überlegung war, es in Form eines Frontalunterrichts zu machen und einen Schüler, der eine solche Aufgabe schon gelöst hatte an der Tafel vorrechnen zu lassen. Ich verwarf diesen Gedanken wieder, denn er erschien mir nicht effektiv genug. Grob konnte ich meine Gruppe ein drei Teile teilen: Einen Teil, der eine solche Aufgabe schon gelöst hatte. Also dieses Wissen schon konstruiert hatte, um in der Sprache der Pädagogik zu bleiben. Eine zweite Gruppe, die gerade dabei war, das Lösungsschema in ihr Wissenskonstrukt aufzunehmen und eine dritte Gruppe, die mit einer solche Aufgabe (zunächst noch) überfordert waren. Bei einem klassischen Frontalunterricht langweilt sich die erste Gruppe und es wäre besser, für diese Gruppe eine andere Aufgabe zu finden, die sinnvoller ist. Die zweite Gruppe würde sicherlich etwas lernen, doch auch hier sind die Unterschiede noch zu groß und ein individuelles eingehen auf jeden Schüler wäre sinnvoller und die dritte Gruppe ist bei einem klassischen Unterricht überfordert. Ich entschied mich also dazu, jeden Schüler individuell zu betreuen, was bei 5 Schülern auch nicht besonders schwer ist.

Meiner Meinung nach ist die Einteilung vieler Lehrer in intelligente und weniger intelligente Schüler längst obsolet. Vielmehr gibt es Schüler, die in ihrer Wissenskonstruktion noch nicht so weit sind und es schafft in der Tat kaum ein Schüler während eines normalen Unterrichts oder eines normalen Curriculums sein Wissen adäquat zu konstruieren, da ist eine gute Nacharbeit nötig, in der Grundschule ebenso wie im Hochschulstudium. Wer bereit ist, diese Nacharbeit zu leisten, der kann jedes schulische Ziel erreichen.